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Nanga-Parbat-Expedition 2004

19.06.2004
Strategie & Müßiggang
Nachdem es gestern nachmittag und abend dann doch ziemlich ergiebig geregnet hat, überrascht uns der Morgen mit dunstig-blauem Himmel, aber auch schon von früh an ein paar ersten Wolken, die sich im Laufe des Vormittags rasch verdichten. Trotzdem ist zumindest bis Mittag für einen Ruhetag ausgesprochen angenehmes Wetter - besser zumindest als dies der Wetterbericht vorausgesagt hat. Für kommende Woche erwarten wir jedoch dann eigentlich die Besserung in der Vorhersage, die uns den beruhigten Start zum Gipfelversuch ermöglichen soll. Die möglichen taktischen Varianten dazu haben wir inzwischen zumindest schon alle mehrfach durchgespielt... Bis in 6500m Höhe ist soweit alles klar: 2-3 Stunden eher sanft geneigter Anstieg sind es ins Lager 1 (4900m), in welchem wir im Schutz eines senkrechten Felspfeilers zwei gut ausgestattete Zelte stehen haben . Von dort aus folgt der technisch anspruchsvollste Abschnitt: die steile Löw-Eisrinne mit anschließender Kinshoferwand bis ins Lager 2 - eine 1100 Höhenmeter lange Strecke, die wir zu Drei Vierteln mit Fixseilen gesichert haben, denn es ist durchwegs sehr steil und technisch anspruchsvolles Gelände. Für die gesamte Etappe benötigt man je nach Gewicht des Rucksacks etwa 5-8 Stunden und der Aufstieg ist überaus anstrengend. Und gemeinerweise lauert das anstrengendste Stück, nämlich die senkrechten Kletterstellen der Kinshoferwand, ganz am Schluß, in fast 6000m Höhe. Wenn man nach stundenlangem Aufstieg durch die Löw-Eisrinne kräftemäßig bereits etwas angegriffen dort ankommt, verlangt einem der Aufstieg über die 150m hohe Wand noch einmal alles ab. Entsprechend keuchend und erschöpft erreicht man dann den Adlerhorst von Lager 2 - die dicht auf messerscharfem Grat aneinander gedrängten Zelte in so unglaublich exponierter Lage, daß man selbst jedes Mal aufs Neue überrascht ist, wenn man früh aus dem Schlafsack schaut und feststellt, daß es 20 cm neben der nächtlichen Ruhestätte hunderte Meter haltlos in die Tiefe geht... Die Errichtung des Lagers 2 war wohl der anstrengendste Lageraufbau, den alle von uns jemals erlebt haben. Beim ersten Zelt dauerte es Stunden, beim zweiten gar Tage, ehe eine halbwegs ebene Plattform ins glasharte Blankeis gepickelt war (und wie wir bereits berichteten, bezahlte Günters Eispickel diese Arbeit sogar mit dem Leben ;-)) Auch oberhalb des Lagers 2 setzt sich der steile Routenabschnitt im kombinierten Gelände zwischen Fels und Eis fort. Nach etwa 300 Metern verschwinden die Felsen und das Gelände wird etwas flacher, ehe ein exponierter Schneegrat zu einer riesigen, spiegelblanken, steilen Eisplatte leitet. Tief eingefroren im glasharten Eis findet man hier die Überreste zahlreicher alter Fixseile längst vergangener Expeditionen, und auch wir haben wegen der Steilheit und Gefährlichkeit dieser ganzen Passagen vom Lager 2 aus bis ans obere Ende der Eisplatte alles mit soliden Fixseilen versehen, die leider ebenfalls den Drang haben, bei warmem Wetter einige Zentimeter tief in das Eis einzuschmelzen und dort festzufrieren. Am oberen Ende des Blankeisabschnitts geht es nahezu übergangslos in tiefen Schnee über, der auf einem großen Serac eine etwa 30 x 15 Meter große, fast ebene Plattform bildet - ein (fast) idealer Platz für Lager 3! Ideal deshalb, weil man hier ohne große Anstrengungen nur mit etwas Schaufeln problemlos gute und sichere Zeltplätze schaffen kann. Aber eben nur fast deshalb, weil diese sehr schöne Platz leider eigentlich 200m zu niedrig für eine ausgewogene Aufstiegstaktik liegt, nämlich gerade einmal 500m oberhalb des Lagers auf etwa 6500m. Christian und Markus hatten beim ersten Aufstieg hierher zwar 200m oberhalb an einem großen Felsen versucht, einen geeigneten Lagerplatz zu finden, doch der Versuch war gescheitert und hatte außer großen Anstrengungen und dem Deponieren der Seile auf 6700m Höhe leider nichts gebracht. Oberhalb des Felsens beginnt für uns also das Neuland und das ist der Bereich, auf den sich alle strategischen und taktischen Überlegungen konzentrieren. Vom Lager 3 aus sind es noch reichlich 1600 Höhenmeter bis zum Gipfel - in dieser Höhe und angesichts der langen Strecke viel zu viel, um von dort aus direkt einen Gipfelversuch zu starten. Daher sieht unser Plan seit Anfang an die Errichtung eines temporären vierten Hochlagers vor, indem wir vom Lager 3 aus all das nach oben mitnehmen, was wir für maximal 2 Nächte benötigen und dann unsere Zelte irgendwo zwischen 7100 und 7400m Höhe aufschlagen. Dies könnte ebenso am Beginn der langen Querung durch die Bazhin-Mulde sein wie auch bei günstigen Verhältnissen am jenseitigen Rand der Mulde. Für beide Varianten gibt es eine Reihe Für und Wider: legt man das Lager 4 tiefer an, schläft man besser (da tiefer) und hat den Tag vor dem Gipfelaufstieg weniger lang und anstrengend. Außerdem muß man die komplette Lagerausrüstung weniger weit (und hoch) tragen. Geht man hingegen weiter, ist zwar die Anstrengung zunächst größer und die Nacht unter Umständen schlechter, doch die Gipfeletappe selbst wird wesentlich einfacher. Wie so oft im Leben hat alles Vor- und Nachteile, doch nach sorgfältiger Abwägung werden wir wahrscheinlich die erste Variante wählen. Wahrscheinlich! Denn wie immer gilt natürlich auch hier: oft kommt es anders als man denkt! Und dann gilt es, den Umständen entsprechend zu improvisieren und life die richtige Entscheidung zu treffen. Das muß dann unter Umständen schnell gehen und genau dazu ist es hilfreich, wenn man alle Varianten und deren Vor- und Nachteile vorab im Basislager schon mal in Ruhe durchdiskutiert hat. Und dazu kommen wir angesichts des Wetters zur Zeit ganz bequem, denn schon 12 Uhr fallen heute die ersten Tropfen und es regnet sich langsam ein. Der Nachmittag wird zwar ein paar Stunden lang noch mal richtig sonnig, doch gegen 16.30 Uhr haben die Wolken auch das letzte Stück blauen Himmel verdrängt und die Regentropfen prasseln unablässig auf die Zeltdächer...
Markus Walter
Basecamp, 19.06.2004
PS:
"Strategie und Müßiggang" ist nicht nur das Motto des heutigen Tages, sondern zugleich der Titel eines sehr empfehlenswerten Buches von Malte Roeper, welches zwar in unserer Basislagerbibliothek nicht dabei ist, sonst aber ein echter Tip besonders für Kletterer ist!
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