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Nanga-Parbat-Expedition 2004

23.06.2004
(K)ein Ruhetag ist wie der andere
Gestern Nacht haben wir, als es schneite wie verrückt und kein Ende abzusehen war, im Schein der Stirnlampen bei dichtem Flockenwirbel noch umfangreiche Sicherungsmaßnahmen am Mannschaftszelt durchgeführt, damit es nicht unter der Last der Schneemassen zusammenbricht. Eine Stunde später plötzlich Entwarnung: es hört auf zu schneien, erste Sterne blitzen am Nachthimmel. Heute früh dann unerwartet blauer Himmel. Mit Wolken zwar, aber immerhin. Nach 2 Tagen wie Weltuntergang ist das die lang ersehnte Trendwende. Von nun an wird es (hoffentlich!) immer besser. Natürlich ist trotzdem noch lange nicht an einen Aufstieg zu denken. Der viele Neuschnee muß sich erst setzen, die großen Lawinen erst zu Tal donnern, ehe wir uns wieder nach oben wagen können. 1-2 Tage werden wir sicher noch abwarten müssen und außer das heute Vormittag in den Sonnenstunden am Duschzelt großer Andrang herrscht und die Regenjacken endlich mal wieder trocknen, ändert sich also erst mal nicht viel. Langweilig wird uns hier unten im Basecamp trotzdem nicht.
War es zu fünft im Basislager schon stets interessant und lustig zugleich, so ist durch die Ankunft der Künstlergruppe sowohl das Gesprächsthemen- als auch Humorpotential nochmals angehoben worden. Und überhaupt, die Künstler...
Was sind das eigentlich für Menschen, die die Strapazen einer Reise ins ferne Pakistan auf sich nehmen, mühsam tagelang auf schmalen Pfaden an den Fuß eines schwindelerregend hohen Berges wandern und dann... ...nicht einmal versuchen, hinaufzusteigen! Was ist das für eine seltsame Sorte Mensch, die, um Bilder zu malen, sich dorthin begibt, wo die Luft so dünn und trocken ist, das ständig der Pinsel eintrocknen würde und die Sonne so unbarmherzig brennt, daß alle Farben ausbleichen? Was sind das für Typen, die sich, um Musik zu machen, dorthin begeben, wo an 99% des Tages die Stille regiert? Was hat man von jemandem zu erwarten, der Theaterstücke lieber selber schreibt, anstatt sie sich gemütlich des Sonntags zusammen mit seiner Freundin anzuschauen, wie das jeder normale Mensch tun würde? Wie ist einer, der in die Galerie geht, um Bilder hinzuhängen, statt sie sich anzuschauen? Und überhaupt: sind Künstler eigentlich normale Menschen?
Die Neugier war auf beiden Seiten wohl etwa gleich groß und inzwischen haben wir dank des schlechtwetterbedingten Zwangsaufenthaltes im Basislager auch schon reichlich Gelegenheit gehabt, uns etwas näher kennen zu lernen. Ladies first ist da also zunächst Arta, die man wohl weder so recht als schauspielernde Anästhesistin noch als anästhesierende Schauspielerin bezeichnen kann. Gelernt hat sie zumindest beides und was an ihr hier am meisten auffällt, ist definitiv die Tatsache, daß sie auch angesichts von neun manchmal ganz schön herumblödelnden Männern rings um sie herum bisher noch nie die Nerven verloren hat. Ob das nun aber an ihren schauspielerischen Fähigkeiten oder den gewohnten Belastungen von der Intensivstation liegt, haben wir noch nicht herausgefunden...
Dann ist da Peter, der Mann mit dem Pinsel, den er aber nicht mit hat. Auch eine Staffelei oder Farbe sucht man bei ihm vergebens und dabei ist er angeblich Maler. Immerhin haben wir ihn schon ein paarmal dabei erwischt, wie er mit Kugelschreiber gar nicht so untalentierte Skizzen in ein dickes Malbuch geschmadert hat. An der Geschichte mit der Malerei könnte also was dran sein...
Urheber der ganzen Kunstaktion und der Musiker der Truppe ist Kai, zur besseren Unterscheidung vom zweiten Kai (der erst ein paar Zeilen weiter unten auftaucht) einfach Kai genannt. Woran man einen Komponisten auf offener Straße erkennen soll, wissen wir jetzt zwar immer noch nicht (denn er trägt keinen Notenschlüssel mit sich herum), aber musikalisch scheint er zu sein, denn als unsere Küchenleute gestern abend zu singen angefangen haben, hat er sofort auf dem Tisch mitgetrommelt. Außerdem spielt Kai Schach und findet keine Gegner, weil er nie jemanden gewinnen läßt (aber Christian hat sich wacker geschlagen!)...
Thorsten ist der Fotograf, was man unschwer daran erkennen kann, daß seine Fotoausrüstung die mit Abstand größte, schwerste und teuerste ist, die sich hier im Basislager befindet. Im normalen Leben fotografiert er einen Haufen berühmter Leute und verschwindet dann mit ihnen in der Dunkelkammer. Mit den Fotos natürlich! Nicht mit den Leuten! Hier gibt es zwar keine berühmten Leute, aber dafür berühmte Berge, die man im Moment allerdings nicht sehen kann. Und dunkel wird es abends von alleine, so ganz ohne Kammer sozusagen...
Der Größte der Truppe ist schließlich Kai Nummer zwei, dem die Einheimischen folgerichtig schon den Namen K2 verpaßt haben. Wenn er nicht gerade mit Siebenmeilenschritten durchs pakistanische Bergland stiefelt, schreibt er Theaterstücke und andere spannende Dinge, die aber trotzdem (noch) nicht zum Lesen da sind. Außerdem hat er eine undichte Regenjacke und spielt auch nicht mit Kai Nummer eins Schach...
Ansonsten benehmen sich die Künstler bisher wie ganz normale Menschen, auch wenn sie sich in diesem abgelegenen Gebirgsbiotop bestimmt längst nicht so heimisch fühlen wie wir. Am besten lassen wir sie wohl selbst einmal zu Wort kommen: Seit Sonntag sind wir nun im legendären Diamir-Basislager am Nanga Parbat angekommen, wo wir überaus herzlich von den sächsisch-thüringischen Bergsteigern empfangen wurden. Der sonnige Wettergott, seit zwei Wochen nicht nur auf unserer Seite aktiv, zog kurzerhand an den Vorhängen, ordnete Regen und Schnee an, auf daß wir Zeit und Muße zum Zusammensitzen und Kennenlernen haben.
Unsere Speisezelte haben wir miteinander verheiratet und erfreuen uns jetzt einer geräumigen kleinen Halle. Bergsteiger sind hochseltsame Wesen. Wenn wir von unseren Wanderstrapazen berichten, zucken sie mit keiner Wimper, wenn die Wand nebenan Steine spuckt, gibt es Ho und He und bewandert sind sie vom Zähneziehen bis zur Solartechnik. Das Wetter gibt uns noch ein paar Tage Gelegenheit, diese Spezies genauer unter die Lupe zu nehmen und hernach auch ihre Kletterkunst zu studieren, denn bisher ist noch ungewiß, ob wir nicht doch einer lebemännischen Reisegesellschaft "auf den Leim" gegangen sind, die es sich mit parkistanischem Kochzauber im BC gut gehen läßt . Aufgefallen ist uns, daß Markus bei der pakistanischen Küche immer neue und leckere Schwierigkeiten wie Kartoffelsalat und Götterspeise in Auftrag gibt. Sein Ruf als schönster Mann im BC ("charming boy") treibt die Köche zu den gewagtesten Experimenten. Christian ist der unerschrockenste Kameramann der Berggeschichte und nach den Köchen der wichtigste Mann im BC, denn er ist unser aller Botschafter der Liebe, der die Grüße und Küsse aus der Heimat uns auf seinem Palm überbringt (und die Sportnachrichten auch). Günter, der legendäre Bergfuchs, laboriert Schürfwunden an seiner Hand aus und trägt die Bürde des Alterspräsidenten mit weiser Würde, ganz nach dem Dichterwort: "Und wenn ich schweige, schweige ich über etwas." Jens ist der Ruhepol und Philosoph in der Runde, der auf fast jede Frage eine Antwort weiß und auf Wunsch Lektüre des Herrn de Sade verleiht. Am unerklärlichsten von allen ist Sahib Stingl: mal grummelt er finstere Formeln in sich hinein, mal scheucht er unseren Koch nach Suppe, dann wieder ist er der Stimmungsprimus und gibt der zweifellos farbigen Gruppe Zwerchfellimpulse.
Am aufregendsten aber wird es sicherlich für uns, wenn die wackeren Fünf sich auf ihren finalen Marsch begeben und wir ihren Künsten bequem am Fernglas, umsorgt von vier Köchen und entspannt auf allen Vorräten sitzend, beiwohnen dürfen und alle Götter um den Gipfelsieg und einen leichtfüßigen Abstieg bitten werden...
Markus + Kai + Kai
Basecamp, 23.06.2004
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