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Sächsische Tienschan Expedition 2000
Erstbesteigungen im Gebiet Kayup-Kap
Diese Expedition wurde nicht vom Alpinclub Sachsen e.V. sondern vom
Sächsischen Bergsteigerbund e.V. anläßlich
des 10 jährigen Jubiläums seiner Wiedergründung durchgeführt.
Die Expedition wurde vom Deutschen Alpenverein (DAV) finanziell unterstützt.
Wir haben den Expeditionsbericht hier mit veröffentlicht, weil
angefangen von der Idee über die Vorbereitung bis hin zur Durchführung
der Expedition Mitglieder des Alpinclubs Sachsen eine ganz entscheidende Rolle für
den Erfolg der Expedition gespielt haben. Ohne das Expeditions - Know-How
und die Gebietskenntnis des ACS wäre die Expedition so sicher nicht durchführbar
gewesen. Deshalb sind wir auch stolz auf den Erfolg dieser Expedition - und
haben Sie hier mit aufgelistet.
Expeditionsgebiet

Für unsere Expedition wählten wir das Terekty-Tal und dort speziell das Gebiet
des Kayup-Kap Gletschers aus. Das Terekty-Tal liegt südlich des
Inyltschektales und wird von den Gebirgsketten Kaindy im Norden und Maybulak-Tau
im Süden begrenzt. Im Osten wird das Tal durch die höchste Kette des
Tienschan, die östliche Kokschal-Tau Kette, die gleichzeitig die Grenze zu
China bildet abgeschlossen. Das Tal wurde bisher kaum von Bergsteigern
besucht, vereinzelte Gruppen russischer Trekker haben es bisher durchquert.
Verläßliche Literaturquellen existieren nicht oder sind zumindest in
Westeuropa nicht bekannt. Einige wenige Informationen konnten wir über
persönliche Kontakte unseres Expeditionsleiters, der den Tienschan zuvor
schon zweimal besucht hatte, bekommen. Zum Zeitpunkt der ersten Beschäftigung
mit dem Expeditionsgebiet waren die meisten Gipfel des Tales, so auch der höchste
von ihnen, der 6073 m hohe Pik Kirow, noch unerstiegen. Das lockte! Anderseits
standen uns bis auf die Tatsache, daß es im Tienschan kaum leichte Gipfel
gibt, kaum Informationen darüber zur Verfügung, was uns eigentlich
erwarten würde. Als Karte stand lediglich die übliche
Kammverlaufskarte des zentralen Tienschan im Maßstab 1:150 000 zur Verfügung,
die zudem in unserem Gebiet sehr lückenhaft ist. Inzwischen wurde
der Pik Kirow vom gegenüberliegenden Tal aus durch ein
russisch-kirgisisches Team bestiegen. Das Tal ist zu Fuß durch
einen anstrengenden, mindestens 6-tägigen Marsch von Maid Adyr zu
erreichen, jedoch nur ab September. Vorher verhindert der hohe Wasserstand in
den engen Schluchten der Flüsse Sary Dschas und Moy Bash jegliches
Durchkommen. Da die für Bergbesteigungen günstige Zeit jedoch bereits
im August endet, ist eine Expedition in diesem Gebiet faktisch nur mit
Hubschrauberunterstützung möglich.
Expeditionszeitraum
31. Juli - 20. August 2000
Expeditionsmannschaft
Tilo
Dittrich, 36 Michael Grohmann, 22 Marion Halbfaß, 21
Annette Longo, 38 Anne Riedel, 28 Dirk Scholze, 36
Christian Walter, 30 - Expeditionsleiter Sven Zschoche, 32
Expeditionsverlauf
31.07.00
Nach dem Flug von Berlin über Moskau kommen wir pünktlich 2.45 Uhr
Ortszeit in Bischkek an. Den Rest der Nacht verbringen wir auf dem Flughafen. Am
Morgen werden wir von einem LKW der Agentur abgeholt, bei 8 Leuten plus dazugehörigem
Gepäck ist das durchaus angebracht. Wir fahren ins Hotel. Und dann beginnt
auch schon das Organisieren. Erst mal vier Mann zur Agentur, dann stürzen
wir alle acht über den Markt, um Lebensmittel einzukaufen. Über die
Mengen haben wir schon vorher lange diskutiert. Beim Einkauf gibt es immer
wieder Diskussionen, nicht so viel hiervon, lieber mehr davon. Die Mengen, die
sich vor uns auftürmen sind gewaltig. Aber acht Leute essen auch ganz schön
was weg. Wir teilen uns auf. Michael, Dirk und Christian gehen zur Agentur um
sich noch um verschiedene Ausrüstungsgegenstände wie Basislagerzelte
und Kocher zu kümmern, die anderen fünf besorgen noch die restlichen
Lebensmittel auf dem Markt. Abends gehen wir noch Essen, eine richtig urige
Kneipe haben wir leider nicht entdeckt, statt dessen gibt es Pizza.
01.08.00 Kurz nach 7.00 Uhr ist der LKW gepackt, und es geht los
Richtung Berge. Die Fahrt geht anfangs durch flache, aber schon bald durch hügelige
Landschaft. Immer kann man schneebedeckte Berge am Horizont sehen. Gegen Mittag
kommen wir zum Issyk-Kul - ein beindruckender Anblick, ein Meer zwischen Bergen.
Wir machen eine kurze Badepause, und weiter geht's Richtung Karakol (ehemals
Prschewalsk). In Karakol werden noch zwei Propangasflaschen eingepackt und
letzte Probleme mit den Papieren unseres Fahrers geklärt, bevor wir 17.30
Uhr nach Mayd-Adyr weiterfahren . In der Dämmerung passieren wir den 3800 m
hohen Paß Tschon-Aschu und 22.00 Uhr sind wir dann endlich da. Bei unserer
Ankunft werden sorgfältig unsere Pässe und Permits durch den
Kontrollposten der dortigen Kaserne kontrolliert. Mit unseren Papieren ist alles
in Ordnung, nur bei unserem Fahrer stimmt irgendwas doch nicht ganz. Aber es
wird noch mal ein Auge zugedrückt, als Dankeschön gibt's dafür
eine Flasche Wodka.
02.08.00 Aufstehen, Auto ausräumen, frühstücken,
Camp besichtigen. Das MAZ (Internationales Alpinisten Zentrum) besteht aus ein
paar Zelten, einigen nicht sehr einladenden Hütten und Baracken, durch die
zum Teil ganz schön der Wind pfeift. Wir bauen ein paar Zelte auf und
brechen dann zu einer ersten Akklimatisationstour auf, Christian bleibt beim
Gepäck zurück. Direkt über dem Lager steigen wir eine steile
Grasrinne hinauf und folgen dann einem Rücken, der zu einem felsigen Grat führt.
Oben liegt ziemlich viel Geröll. Annette, Marion, Dirk, Sven und Tilo gehen
bis zu dem Gipfel, der in der Karte mit 4087 Meter eingetragen ist. Der Rückweg
über den Schotter ist etwas mühsam.
03.08.00 In der Nacht hat es geregnet, also schlafen wir erst mal aus.
Heute laufen wir einfach im Tal nach hinten, und dann noch einen Grasrücken
nach oben. Auf einen zweiten Schotterberg hat niemand richtig Lust.
04.08.00 Zeitig aufstehen, Zelte zusammenbauen und Sachen im Hubschrauber verpacken.
Unser Gepäck wird noch mal gewogen - alles zusammen 625 Kilogramm für
acht Leute. Ganz schön viel! 8.20 Uhr startet der Hubschrauber. Gespannt
blicken wir aus dem Fenster, versuchen die Linien auf der Karte in der Realität
wiederzufinden.
Nach ca. 20 Minuten Flug kommt "unser Tal". Wir
schauen aus dem Fenster, suchen nach einem günstigen Platz für unser
Lager. Der Hubschrauber fliegt immer höher, zieht eine Runde über dem
Gletscher, fliegt wieder ins Tal und wieder nach oben. Es ist nicht so einfach,
auf dem zerrissenen Gletscher einen Platz zum Landen zu finden. Schließlich
setzt er mitten auf dem Gletscher in 4100 Meter Höhe auf. Schnell werden
unsere Sachen entladen, der Hubschrauber hebt ab und ist schon nach kurzer Zeit
nur noch als kleiner Punkt am Horizont zu sehen. Dann ist nichts mehr zu sehen
und zu hören. Hier werden wir für die nächsten zwei Wochen unser
Basislager aufschlagen, ganz auf uns gestellt und ohne jeden Kontakt ins Tal.
Und von hier wird uns der Hubschrauber in 14 Tagen wieder abholen.
Wir bauen unser Lager auf, ein großes Küchenzelt und die vier kleinen Zelte zum
Schlafen. Während wir uns bewegen, merken wir den Sauerstoffmangel in der
Höhe schon etwas, Kopf- schmerzen oder ähnliche Probleme haben wir
aber trotz der kurzen Akklimatisationszeit keine.
05.08.00 Phantastisches Wetter. Wir ziehen los zu einer ersten
Erkundungstour, nehmen schon ein paar Zelte und Ausrüstung mit, um weiter
oben auf dem Gletscher ein Depot einzurichten. Die Gipfel um uns herum sehen
alle nicht sehr einfach aus. Die Flanken sind meist ziemlich steil, Berge zum "einfach
nur Hochlaufen" gibt es gar nicht. Besonders der 6073 m hohe Pik Kirov
erweist sich als deutlich steiler als erwartet. Auf dem Rückweg kommt uns
eine Gruppe russischer Trekker (Perevalniks) entgegen. Wir hatten überhaupt
nicht damit gerechnet, in dieser Einöde andere zu treffen, sie sind aber
genauso verwundert, uns hier anzutreffen. Sie waren schon 10 Tage von Maid Adyr
aus unterwegs, hatten einige extrem schwierige Pässe überschritten und
wollen in 6 Tagen das Lager am Fuße des Chan Tengri erreichen, wo frische
Lebensmittel für Sie deponiert sind. Sie errichten ihr Zelt weiter oben auf
dem Gletscher.
06.08.00
Heute wollen wir den Berg besteigen, der den mittleren
Talabschluß bildet.
Sven berichtet: Die Nacht ist klar und eisig,
trotzdem stehen wir um 4.30 Uhr auf, essen und brechen ca. 1 Stunde später
auf. Der Morgen graut und mir ist kalt. Ich habe vorsorglich, da keine Wolke am
Himmel ist nur einen Pullover an. Bestimmt wird's warm, darum sind die übrigen
Sachen im Rucksack. Ich laufe lieber mit Christian zügig den anderen davon.
Der Gletscher ist fest vereist und kein Schnee verdeckt die Spalten. Nach einer
Stunde bereits erreichen wir unser "Depot". Wir nehmen alles, was wir
benötigen, und stürmen weiter. Anne, Michael und Marion sind jetzt bei
uns. Die Perevalniks bauen gerade ihre Zelte ab. Wir grüßen uns kurz
und reden zwei Worte, dann geht's weiter. Die Sonne bestrahlt jetzt die
umliegenden Bergspitzen. Nur unsere Aufstiegsroute liegt noch im Schatten. Lange
wird's nicht dauern bis auch hier der Firn weich wird, es ist schließlich
ein Südhang.
Wir legen die Eisausrüstung an, und Anne führt. Sie will das
Tempo kontrollieren. Eigentlich steigt sie für die ungewohnte Belastung
schnell und locker im Steileis. Meine Waden schmerzen bereits nach den ersten
100 m, und ich habe Mühe nicht ständig vom Straffseil gezogen zu
werden. So langsam wird die Wand immer steiler. Nun geht's nur noch mit verstärktem
Eisgeräteeinsatz weiter. Plötzlich bricht Michael ein, eine
Gletscherspalte in diesem Gelände! Wir haben ihn in der Mitte am Seil, da
kann nichts passieren. Michaels erster "Tauchgang" auf unserer
Expedition. Später erhält er den Titel "Spaltendachs" wegen
seiner häufigen Spaltenstürze. Wir steigen weiter und jetzt
erreicht uns auch die Sonne. Anne steigt wie eine Heldin voraus, so als würde
sie nichts anderes im Leben tun. Ich fühle mich im Sandstein eigentlich
wohler. Endlich sehen wir die Gipfelkuppe. Wie die der meisten Tienschangipfel
ist sie stark überwächtet. Eine schwierige Passage mit Blankeis
erschwert nun den weiteren Weg, und Anne läßt Christian
vorsichtshalber voraus. Er steigt ohne Probleme darüber hinweg und holt uns
von einem Stand im flacheren Gelände nach. Anne und dann Michael
schaffen es auch, nun bin ich dran. Ich habe lange nicht mehr so etwas
geklettert und fühle mich ein wenig unsicher, die Eisgeräte stecken
nur wenige Millimeter tief. Ich schlage gerade das rechte Beil höher, da
rutscht mir das linke weg. Ein kurzer Schreck folgt. Die Füße stehen
gut und das obere Eisbeil hält auch. So was passiert nur durch
Unsicherheit, man verkrampft sich und hängt meist nur an den Armen. Das
kostet außerdem viel Kraft. Auf die Fußtechnik kommt es wie immer
beim Klettern hauptsächlich an. Doch in diesen Bergen wird noch genug
Gelegenheit zum Übem sein. Marion folgt als letzte unserer
Seilschaft. Sie hat nur wenig Eiserfahrung, doch sie ist talentiert und steigt
ohne zu zögern zu uns hinauf. Wir beschließen zu pausieren und
schauen den anderen drei bei der Schinderei im Steilhang zu. Über uns
ist ein Loch, welches sich durch die Überwächtung gebildet hat. Die
letzte, noch einmal recht steile Seillänge steigt Tilo vor. Ich erklimme
als dritter den Pik. Ich sehe unsere kerzengerade Spur direkt in der Südseite.
Es geht auf Mittag zu und die Sonne strahlt warm aus einem tiefblauen Himmel.
Von hier aus hat man eine überwältigende Sicht.
Alle 8 Expeditionsmitglieder haben es nun geschafft, und wir freuen uns über den
gemeinsamen Erfolg. Christian erklärt uns, wie die umliegenden Berge heißen.
"... Der da mit dem langgezogenen Grat, das ist der Pik Pobeda. Dort drüben
der steile heißt Abalakow, davor der Pik Gorki und diese imposante Spitze
ist der Chan Tengri...". Nicht weit, aber von hier aus unerreichbar,
ist der Pik Kirow. Seinetwegen sind wir auf die Idee gekommen den Berg zu
besteigen, denn wir wollten wissen, ob es möglich ist, den Pik Kirow über
seinen Nordgrat zu erklimmen. Leider ist dieser Grat messerscharf und
teilweise beidseitig überwächtet, darüber sind ringsum Eiswände
mit riesigen Séracs. Wir meinen, dieser Weg ist zu gefährlich. Aber
auch sonst ist kein halbwegs sicherer Aufstieg auszumachen. Schade! Doch
ein anderer naheliegender Berg, der Pik "Rote Armee" sieht machbar
aus, wenn auch nicht gerade einfach. Von hier aus könnte man fast eine
Gratwanderung dorthin unternehmen, wären nicht einige große Eisabbrüche
dazwischen. Was soll's, wir stehen hier auf einem namenlosen Gipfel, den
vielleicht noch niemand bisher bestiegen hat. Auf der einzigen verfügbaren
Karte im Maßstab 1:150.000 ist er überhaupt nicht vermerkt aber die
zeigt im ganzen Tal ohnehin nur 8 Gipfel und davon nur drei benannte. Doch
das wertvollste ist, daß alle Expeditionsmitglieder diesen Berg gemeinsam
erstiegen haben. Das Wetter ist herrlich, und man hat ein traumhaftes Panorama.
Moment! Ja so könnte er heißen: Pik "Panorama". Wir sind
uns darüber einig. Eine Messung per GPS ergibt 5039 m. Die Höhenmesser
bestätigen es in etwa. Das schwerste steht uns noch bevor. Wir müssen
erst heil herunterkommen, um diesen Berg auch wirklich bezwungen zu haben. Der
Harsch hat sich in der Mittagssonne zu Schneematsch verwandelt. Hauptsache wir
gehen nicht mit diesem Brei ab, darum sichern wir uns in den steilsten Passagen
von oben. Tilo und Christian folgen dann abwechselnd von unten gesichert.
So geht der Abstieg zügig und besser als ich dachte. Nun folgt der Bereich
mit den Spalten. Diesmal taucht keiner ab. Der weitere Weg ist unproblematisch.
Erstaunlich wie schnell man sich an die Steilheit gewöhnt. Mit einer
gesunden Vorsicht und Gelassenheit ist der lange Abstieg einfacher. Auch der
weite Weg zum Basislager erscheint heute besonders kurz, die Freude über
diesen Erfolg und sehnsüchtige Blicke herüber zum Pik Kirow (immer
wieder suchen wir nach einer sicheren Linie, doch finden keine) lenken uns ab.
07.08.00 Pausentag ist angesagt. Christian und Annette erkunden den Gletscher
unterhalb unseres Lagers, die anderen schleppen Steine für ihre Zelte, damit sie
nicht mehr so sehr in der Nässe und Kälte liegen. Abends beschließen
wir, wohin wir die nächsten Tage gehen wollen. Annette, Tilo und Dirk
wollen eine 2-3 Tagestour zum Pik der Roten Armee machen. Der Rest will an einem
Tag auf den Gipfel direkt über unserem Basislager steigen, wir haben ihn
Kayup-Kap Wächter genannt, weil er direkt über diesem Gletscher und
unserem Basislager thront.
08.08.00 4.00 Uhr ist aufstehen angesagt, gegen 5.30 Uhr starten wir
in zwei Gruppen. Zum Pik über dem Lager gibt es aus unserer Sicht zwei Möglichkeiten:
den direkten Weg durch den Eisbruchauf das darüberliegende Gletscherbecken,
dann über Schotterfelder zum Gratrücken und immer dem schneebedeckten
Grat folgend auf den Gipfel. Eine andere Möglichkeit wäre, den
Kayup-Kap-Gletscher 2 Stunden abzusteigen bis zum Fuß des Westgrates und
dann diesem folgend zum Gipfel zu gehen. Dieser Weg wäre allerdings
deutlich länger und so entschließen wir uns für die direkte
Variante. Marion erinnert sich:
Es ist Dienstag, 4.15 Uhr früh. Ich
begebe mich ins Küchenzelt, in dem sich Michael und Sven schon am Kocher
versuchen, der wieder einmal kein Gas geben will. Nachdem der Kocher nun doch
funktioniert, kann es Frühstück geben, so daß wir 5.30 Uhr zum
Abmarsch bereit sind. Dirk, Tilo und Annette machen sich auf den Weg zum
Pik der Roten Armee. Wir: Anne, Christian, Sven, Michael und ich gehen zum
Gipfel südlich vom Basislager. Anne führt uns durch das Labyrinth des
stark zerklüfteten Eisbruchs hindurch. Die Jungs hinten am Seil witzeln
schon etwas vom "Kirgisischen Roulette". An einer einer
senkrechten 4 m hohen Wandstufe stoppen wir. Ab hier übernimmt Christian
die Führung, und wir steigen gesichert nach. Als dieses Stück
geschafft ist, queren wir den Gletscher und steigen eine Geröllhalde hinauf
auf den Nordgrat. Ich hänge hinterher, weil es mir nicht gelingt,
schneller hoch zu laufen als die Steine herunter rollen können.
Am Grat angekommen machen wir eine ausgiebige Pause, und dann geht es "nur
noch" den Grat aufwärts. Als wir an eine steilere Passage mit losen
Steinen kommen, steigt Christian diese vor. Hier fallen immer wieder Steine, die
tosend den unter uns liegenden Schotterhang hinabstürzen. Dann geht es über
Firn und Steine hinauf bis zum nächsten Hindernis, das aus einer vereisten
Kletterstelle besteht. Als diese überwunden ist, klettern wir auf dem
schmalen Grat zum Gipfel hinauf. Zum Glück setzt Christian immer wieder
einige Eisschrauben, denn mir ist ein wenig mulmig bei der Sache. Um 15.00
Uhr stehen wir endlich auf dem Gipfel, und das GPS zeigt 4803 m an.
Wir taufen ihn auf den Namen Kayup-Kap Wächter. Jetzt
schnell hinab, aber zum Glück nicht den Weg den wir hoch sind. Nach 150 m
Abseilen gelangen wir an den Gletscherrand. Noch zweimal über ein
Schotterfeld abseilen und dann queren wir auch schon dieses zum Westgrat. Den
steigen wir ab, bis uns der Weg von einem Felsturm versperrt wird. Jetzt seilen
wir noch einmal 50 m ab und dann fahren wir, ich so gut es geht, eine Geröllhalde
hinunter auf den Kayup-Kap Gletscher. Jetzt ist es 19.35 und wir beginnen
mit dem Aufstieg zum Basislager. Zum Glück ist Christian gestern diesen Weg
schon gegangen, und hat ihn im GPS gespeichert, denn dies erleichtert den Rückweg
ungemein. Gegen 22.00 Uhr, nach fast 16 Stunden tauchen schließlich im
Schein der Stirnlampen die Zelte auf. Ab ins Küchenzelt, Rucksack abwerfen
und nur noch trinken und essen.
Vom anderen Team berichtet Tilo:
Seit 5.30 Uhr sind wir auf den Beinen. Zunächst zum 5233 m
hohen Pik Pyramidenkopf, von dem aus wir dann über den Verbindungsgrat
weiter auf den Pik der Roten Armee steigen wollen. In dem spaltenreichen
Zustieg ist die weiche Schneedecke heimtückisch. Dirk und Annette, die
meiner Spur folgen, beschweren sich, daß sie ab und zu bis zur Hüfte
im Schnee versinken. Ich kann da kaum Mitgefühl aufbringen, denn beim
Spuren breche ich als erster sowieso immer tief ein und zum anderen beschäftigt
mich mehr, eine sichere und interessante Aufstiegslinie und einen möglichst
einfachen Abstieg zu finden. So spiele ich gedanklich einige Varianten durch.
Unser Ziel ist die 680 m hohe Südwand. Die Wand endet an einem Grat der
nach Osten zum Fuß des pyramidenförmigen Gipfelaufbaues führt.
Wie die meisten interessant aussehenden Berge haben sie meist keinen einfachen
Abstieg. Denkbar ist der Abstieg über den gesamten Westgrat, nur endet
dieser mit einem Gletscherabbruch oder einer Steilpassage. Für den
Aufstieg schlage ich Annette und Dirk eine direkte Linie zwischen dem séracbedrohten
linken Wandteil und der rechten Felsbegrenzung vor. Der Anstieg sieht steil d.h.
interessant aus und scheint objektiv sicher zu sein. Dies überzeugt auch
Annette und Dirk, klettern wir doch alle lieber im Steileis als das wir im
Tiefschnee spuren. Am Wandfuß (ca. 4500 m) machen wir noch eine
Rast, tauschen die Skistöcke gegen die Eisgeräte und packen das Seil
in den Rucksack. Seilfrei kommen wir im unteren Wandteil gut voran. Die
Schneeauflage wird geringer. Gelegentlich weichen wir in den Fels aus. Die
Eisverhaltnisse werden immer besser und die Steilheit nimmt zu. Das Blankeis
veranlaßt uns, wieder das Seil auszupacken und von da an klettern wir
gesichert. Ich schnaufe voraus, setze ein bis zwei Zwischensicherungen und mache
nach 45m Stand. Dirk und Annette steigen gemeinsam nach. Dirk steigt unter
erschwerten Bedingungen. Aus seinem Rucksack stinkt es fürchterlich nach
Gas. Wir konnten keine neuen Gaskartuschen bekommen sondern nur alte, bereits
entleerte Kartuschen. Diese haben wir mit unserer Basecamp-Gasflasche wiederbefüllt.
Nur leider waren die Kartuschen nicht ganz dicht. Man könnte meinen, dies wäre
zumindest für Raucher gefährlich. Doch weit gefehlt. Die russische
Gasmischung brennt, wie wir später leidvoll erkennen müssen,
unheimlich schwer an. Die Wand will kein Ende nehmen. Die Steilheit wirkt
aufgrund des teilweise spröden Eises, der schweren Rucksäcke und
der doch spürbaren Höhe noch eindrucksvoller. Das Wandende erscheint
nicht mehr weit. Vielleicht noch 2 bis 3 Seillängen. Kaum sind diese
geklettert, kommen wir wieder zu derselben Meinung. Dies wiederholt sich
mehrmals. So vergehen die Stunden bis wir den Ausstieg am Grat erreichen.
Zufrieden sitzen wir wieder im Tiefschnee und blicken ins Tal. Die
Hauptschwierigkeiten haben wir hinter uns. Dirk, der im sächsischen Fels IX
klettert, sagt, daß er heute nicht hätte vorsteigen wollen. Dieses
Kompliment erfreut mich, zumal ich mich auch in den steilsten Passagen immer
wohl gefühlt habe. Knapp unterhalb des Grates schaffen wir uns mit dem
Kochgeschirr und Eisgeräten ein ebenes Plätzchen für unser Zelt
(5180 m). Zum Abendbrot gibt es Kartoffelpüree und eine "Heisse Tasse".
09.08.00
In der Nacht schlägt das Wetter um. Ein Sturm kommt auf und es beginnt
leicht zu schneien. Wir sind froh unser Zelt etwas unterhalb des Grates
errichtet zu haben und so nicht dem größten Wind ausgesetzt zu sein.
Am nächsten Tag ist an einen Gipfelgang nicht zu denken. Wir liegen im
Zelt, erzählen alte Geschichten und debattieren über Ausrüstungsthemen.
Vorsorglich haben wir unser Essen rationiert. Zum Frühstück gibt es für
jeden 3 Löffel Müsli. Als Gelegenheitsvegetarier habe ich einen
Schinken dabei. So gibt es zusätzlich eine Scheibe Brot plus eine Scheibe
Schinken. Wer kann da nein sagen.
Für unser Team im
Basislager ist nach dem anstrengenden gestrigen Tag heute erst mal Pause. Aber
das schlechte Wetter verbietet sowieso größere Aktionen. Als wir
abends in die Schlafsäcke kriechen hat es angefangen zu schneien, 2-3 cm
liegen schon.
10.03.00 Gegen drei Uhr werden wir wach, weil unser Zelt unter der
Last des Schnees schon ganz klein geworden ist. Christian und Sven stehen auf
und schaufeln über eine Stunde lang die Zelte frei, besonders das große
Küchenzelt ist durch den vielen Schnee extrem gefährdet.
Als
wir gegen acht Uhr aufstehen schneit es immer noch. Es liegt inzwischen fast ein
Meter Neuschnee und wenn man mit Schaufeln an dem einen Ende fertig ist, muß
man am anderen wieder anfangen. Am Nachmittag läßt der Schneefall
etwas nach, und kurz vor 17.00 Uhr reißt dann der Himmel auf und die Sonne
scheint. Wir nutzen die letzte Stunde Sonnenschein um unsere nassen Schlafsäcke
zu trocknen. Wie es wohl den dreien da oben am Pik der Roten Armee geht? Tilo
berichtet:
Schon oft habe ich gehört, daß das Wetter im
Tienschan sehr wechselhaft ist. Dies birgt die Chance, daß nach
Schlechtwetter bald Schönwetter folgt. In unserer zweiten Nacht ändert
tatsächlich das Wetter. Der Sturm hört auf. Nur kommt statt Schönwetter
ergiebiger Schneefall und totaler Nebel. Alle zwei Stunden muß einer
von uns raus, um das Zelt freizuschaufeln. Der Schnee reicht einseitig bis zum
Zeltfirst und drückt die Zeltwand nach innen. So wird das Zelt immer enger.
Wir rationieren weiter die Essenportionen.
11.08.00 In der
Nacht hat es aufgehört zu schneien und am nächsten Tag ist strahlender
Sonnenschein. Gegen 7:00 Uhr brechen wir zum Gipfel auf. Der Weg zum Gipfel führt
über den Westgrat. Trotz des Neuschnees ist der Weg relativ sicher. Nur
einmal bricht Dirk durch die Wächte. Bereits gegen 8:00 Uhr erreichen wir
den Gipfel des Piks Pyramidenkopf (5233 m). Vom Gipfel hat man einen super
Ausblick in alle Richtungen. Eindrucksvoll sind der Pik Kirow, der lange Anstieg
zum Pik Pobeda und der steile Chan Tengri. Wir diskutieren den Übergang
zum Pik der Roten Armee. Jedoch haben die starken Schneefälle verbunden mit
starken Wind riesige Wächten an dem Verbindungsgrat zwischen unserem Berg
und dem Pik der Roten Armee entstehen lassen. Eine Begehung ist bei diesen Verhältnisse
zu riskant. Schnell sind wir uns einig abzusteigen. Dank unserer Aufstiegsspur
erreichen wir recht zügig unser Lager. Der Abbau des Zeltes artet richtig
in Arbeit aus. Es ist von allen Seiten tief verschneit und wir kommen beim
Graben ins Schnaufen. Zum Schluß fehlen uns noch zwei Stocksegmente mit,
denen wir das Zelt befestigt hatten. Deren Suche kostet uns eine
Dreiviertelstunde. Gegen 11:00 beginnen wir mit dem Abstieg. Wir sind
uns einig, nicht über unsere Aufstiegsroute abzusteigen, sondern über
den leichteren Westgrat. Der Westgrat hat zwei Steilstufen. Der Abstieg über
die obere Steilstufe ist eindeutig und damit leicht zu finden. Wie wir am besten
über die untere Steilstufen auf das Gletscherplateau kommen ist fraglich,
da nicht einsehbar. Die Hoffnung, daß am Grat der Neuschnee verblasen ist
geht nicht in Erfüllung. In der ersten tiefverschneiten Steilstufe
steige ich voraus, in der Seilmitte folgt Dirk und zum Schluß kommt
Annette. Als Annette die steilste Stelle erreicht, löst sich eine Lawine
und Annette rutscht auf ihr Richtung Abbruch. Die Adrenalinproduktion wird
schlagartig aktiviert. Dirk dreht sich in den Liegestütz. Ich quere auf die
Seite und versuche mich zu verankern. Annette rutscht an Dirk vorbei und kommt
Gott sei Dank zum Stehen. Noch mal gut gegangen. Keuchend sitzen wir im Schnee.
Wir steigen weiter ab. In den flacheren Passagen müssen wir bis zur Hüfte
spuren. Das braucht viel Zeit und zehrt an den Kräften. Das Gelände
ist sehr unübersichtlich. Wir steigen bis zum Gletscherabbruch ab. Gut
gesichert versuche ich mir von einer Wächte aus einen Überblick zu
verschaffen. Der weitere Abstieg wird von labil aussehenden Séracs
bedroht. Wir entschließen uns schweren Herzens wieder aufzusteigen und
weiter oben in die Südwand zu queren. Dank unserer eigenen Spur ist
der Aufstieg weniger anstrengend als der Abstieg. Wir haben richtig entschieden.
Die Südwand ist steil genug, das sich kein Schnee hält. Gesichert
klettern wir 8x45 m nach unten. Gegen 18.30 Uhr erreichen wir den Gletscher. Die
etwas bedrückende Ungewißheit über den Abstieg ist vorbei und
wir sind alle drei erleichtert. Von jetzt an ist es nur noch eine Frage der
Kondition, wann wir unser Basecamp erreichen. Der Pudding ruft! Während
des Abstieges hatten wir auf dem Gletscher drei Personen beobachtet, die in
unsere Richtung gespurt haben. Das waren sicher Christian, Sven und Michael, die
uns entgegengekommen sind. Später sind sie jedoch umgekehrt. Die
Schneeverhältnisse haben sich weiter verschlechtert. Aufgrund der
tageszeitlichen Erwärmung und der abendlichen Abkühlung hat sich eine
harte Deckschicht gebildet, die jedoch nicht trägt.
Bei jedem Schritt muß
erst die Deckschicht durchbrochen werden und anschließend versinkt der
jeweils erste bis zur Hüfte im Schnee. So vergeht die Zeit sehr schnell.
Wir kommen in die Dunkelheit und es wird bitterkalt. Die Spalteneinbrüche
nehmen zu. Längst haben wir aufgehört, sie zu zählen. Unser
Ziel ist es, die Spur unserer Kameraden zu erreichen. Die Dunkelheit macht die
Orientierung jedoch schwierig. Wir hatten uns schon fast damit abgefunden eine
eigene Spur zum Lager zu spuren, da entdecke ich im Dunkeln einen Stock. Ich
steuere direkt darauf zu und breche mit beiden Beinen in einer tiefen Spalte
ein. Am Stock finden wir Lebensmittel und eine Thermoskanne mit Tee. Neben dem
Tee freuen wir uns vor allem, daß wir jetzt eine Spur haben und schneller
vorankommen. Um halb zwei in der Nacht erreichen wir müde aber glücklich
unser Basecamp. Mit einem Ruf nach Pudding wecken wir unsere Freunde und alle
kommen zur nächtlichen Party. Anne verpflegt uns köstlich mit überbackenen
Käseschnitten nach Schwedenart, viel, viel Tee und Pudding.
Gegen drei liegen wir dann wieder in unseren Schlafsäcken.
12.08.00
Am nächsten Morgen ist ausschlafen angesagt. Es werden Sachen getrocknet,
Haare gewaschen, gelesen, geschlafen, gegessen und in der Sonne gelegen. An
Berge ist noch nicht zu denken, der Schnee ist immer noch viel zu hoch und zu
locker. Am Abend nach dem Essen zählen wir die verbleibenden Tage und
diskutieren unsere nächsten Ziele. Hoffentlich setzt sich der Schnee bald
und das Wetter bleibt schön.
13.08.00 Früh gibt es noch ein paar Sonnenstrahlen, aber schon am
Vormittag zieht es immer mehr zu. Wir gehen Eisklettern. In einer riesengroßen
Gletscherspalte wird ein Seil befestigt und los geht es. Nach dem Abendbrot
werden unserer Ziele für die nächsten Tage geplant. Wir haben nur noch
3 Tage für Gipfelbesteigungen Zeit. Am Donnerstag müssen wir unser
Camp schon soweit abbauen und einpacken, daß wir am Freitag früh
wieder mit dem Hubschrauber zurückfliegen können. Christian, Till und
Sven wollen die 3 Tage zur Besteigung des 5558 m hohen Kayup-Kap-Bashi nutzen,
Dirk und Michael wollen zum Pik der Roten Armee. Annette ist krank, und so
bleiben Marion und Anne bei ihr.
14.08.00 4.00 Uhr klingelt der Wecker. Das Wetter ist nicht besonders,
trotzdem wird gefrühstückt. 4.30 Uhr fängt es an zu schneien und
die Sicht wird immer schlechter. 6 Uhr versinkt das Tal endgültig im Nebel
und Schneefall und wir wieder im Schlafsack. Das Wetter bessert sich am
Nachmittag nur wenig und vom Tal ziehen schon wieder schwarze Wolken zu uns
herauf.
15.08.00 Wider erwarten ist das Wetter heute doch recht gut. Wie wäre
es denn, wenn wir doch noch losgehen? Eine Zeitreserve ist nicht mehr da, das
Wetter muß auch mitspielen, aber versuchen könnte man es ja noch, auf
den Pik der Roten Armee zu steigen. Also wird wieder gepackt. Alles Überflüssige
wird ausgepackt, für vier Leute muß ein Zelt ausreichen, auch das
Essen wird drastisch reduziert. Uns ist klar das wir keinerlei Reserve haben und
deshalb bei jeder unvorhergesehenen Schwierigkeit oder Verzögerung umkehren
müssen. Wenn es überhaupt noch eine Chance auf einen Berg gibt, dann
diese. Dirk und Sven sowie Christian und Till ziehen zusammen los. 11.30 Uhr ist
Start. Die Abstiegsspur ist teilweise noch zu sehen und so geht es zügig
aufwärts. Gegen 14.00 Uhr ist der Wandfuß erreicht. Nach dem Aufstieg
durch eine Rinne erreichen die vier die Eisflanke und klettern dort 3 Seillängen
(45°) nach oben auf den unteren Teil des Rückens zum Pik
Pyramidenkopf. Sie überqueren den Rücken und stapfen dann noch eine
knappe Stunde durch den Schnee des Gletscherbeckens. 18.00 Uhr erreichen sie
einen günstigen Platz für das Zelt und schlagen es auf. Es fängt
wieder an zu schneien, das Kochen im Zelt gestaltet sich problematisch, am Ende
gelingt es bei hohem Brandrisiko doch.
16.08.00 Die vier Gipfelstürmer
stehen 4.00 Uhr auf. Das Kochen und Anziehen zu viert im Zelt dauert lange. 6.30
Uhr geht es dann endlich los. Dirk berichtet:
Bei einigermaßen gutem Wetter brechen wir früh auf, laufen im
Tiefschnee so an die 100 Höhenmeter, dann steilt die Wand auf und wir
fangen an zu sichern. Christian und Till als erste Seilschaft, Sven und ich als
zweite. Wir steigen in geteilter Führung immer das ganze Seil aus, das
heißt 45m mit Seil von oben, dann gleich weiter im Vorstieg bis zum nächsten
Stand. Ein bis zwei Eisschrauben müssen dabei genügen. Das Eis ist
etwas splittrig, natürlich bekommen immer die letzten am meisten auf den
Kopf, die Knie und die Hände. Mein Husten wird immer schlimmer und wir
werden dadurch etwas langsamer. Trotzdem geht es eigentlich gut voran. Es
wird kälter und wir frieren am Stand immer mehr. Irgendwann haben wir die
500 m hohe und größtenteils 45°-50° steile Eiswand hinter
uns und sind am Grat. Wir machen eine kurze Rast und sehen Christian und Till
schon ein ganzes Stück vor uns. Für uns ist das günstig, da wir
im Tiefschnee nicht so spuren müssen. Da meine Erkältung mir ganz schön
zu schaffen macht, gehe ich voraus, um das Tempo anzugeben. Es hat wieder
zugezogen und der Gipfel ist im Nebel verschwunden. Manchmal reißt es
etwas auf und wir ahnen den Gipfel vor uns. Dann kommen uns Christian und Till
vom Gipfel entgegen. Kurze Diskussion - Till meint wir sollen mit absteigen.
Aber uns geht es noch ganz gut, es ist erst 13.30 Uhr und wir wollen unbedingt
auf den Gipfel. Also weiter. Der Schnee wird immer tiefer und
luftdurchsetzt, auch die schon getretene Spur nützt uns nicht viel, da man
bergauf einfach die Löcher tiefer tritt. An einer Querspalte wird dieses bröselige
Zeug regelrecht anstrengend. Noch ein paar Höhenmeter, dann wird es langsam
etwas flacher - wir sind oben! Der eigentliche Gipfel ist eine Riesenwächte,
deswegen entschließen wir uns nur einzeln auf den höchsten Punkt zu
gehen. Geschafft! 5763m ist er hoch. Für Sven absoluter Höhenrekord.
Wir freuen uns, doch noch aufgestiegen zu sein. Schnell noch das Gipfelfoto im
Nebel, dann treibt uns ein scharfer, kalter Wind nach unten. An der Querspalte
wird es noch mal gefährlich. Wir sichern uns gegenseitig. Das hat aber
nicht viel Sinn in diesem bodenlosen Zeug. Alles geht gut und wir kommen wieder
in flacheres Gelände. Mit Grausen denken wir an den Abstieg durch die
steile Wand. Es reißt auf und wir sehen, das sich Christian und Till
dieselben Gedanken gemacht haben. Sie sind an der Stelle vorbeigegangen, an der
wir aus der Wand ausgestiegen sind. Sie gehen auf den Grat zu und wollen
offensichtlich diesen entlang zum Pik Pyramidenkopf, um dann im flacheren Gelände
abzusteigen. Es ist zwar ein Umweg, aber nicht so steil. Der Grat erfordert noch
mal unsere ganze Konzentration, denn er ist auf der einen Seite stark überwächtet
und auf der anderen steil und voller weichem Schnee - abrutschen darf hier
keiner! Der Grat steilt wieder auf und wir erreichen nach einer Weile
den Pik Pyramidenkopf (5233 m). Für Sven noch ein Gipfel, ich war bei
unserem letzten Versuch schon hier. Den Rest des Abstieges geht es steiler
bergab, aber ohne weitere Schwierigkeiten. Gegen 17.00 Uhr sind wir wieder am
Zelt. Es hat schon wieder angefangen zu schneien. Als wir im Zelt liegen, fängt
es auch noch an zu gewittern. Zu viert im Zelt ist es trotzdem ganz gemütlich.
17.08.00 14.00 Uhr sollen wir am Basislager sein. Anne hat uns
Knödel versprochen! Es ist jetzt also 6 Uhr vor Knödel. Wir brechen
das Zelt ab und packen. Es schneit schon wieder, aber wir müssen trotzdem
los. Unsere Spur vom Aufstieg ist nur noch manchmal schemenhaft zu
erkennen. Auf einmal reißt es wieder auf - gerade noch rechtzeitig, um den
Einstieg in die untere Wand zu finden. Die 300 m hinunter wird es noch mal
interessant, irgendwann haben wir es geschafft, versinken aber auf dem flachen
Gletscher dafür immer wieder bis über die Hüfte im Schnee.
Irgendwann hören wir auch auf zu zählen, wie oft wir in kleinere
Spalten einbrechen. Es zieht wieder zu und schneit. Kurz vor dem
Basislager verlieren wir im dichten Nebel fast die Orientierung. Es geht aber
alles gut und wir sind pünktlich Eins vor Knödel im Lager. Wir essen
unheimliche Mengen und freuen uns, das uns buchstäblich in letzter Minute
noch dieser Erfolg gelungen ist! Für morgen früh ist der Hubschrauber
bestellt.
Nachmittags werden die Sachen getrocknet und das
Einpacken beginnt.
18.08.00 Wir stehen um 4.30 Uhr auf, um die restlichen Sachen
einzupacken und unsere Zelte abzubrechen. Anette berichtet:
Wir packen unsere Sachen, bauen die Zelte ab, zuletzt das große Küchenzelt.
Meine Bedenken werden größer, daß heute kein Hubschrauber
kommt. Christian ist voller Optimismus. Die Bergspitzen sind in Wolken, aber der
Talboden ist frei. So könnte der Hubschrauber das Tal entlang fliegen. Doch
dies ist ein Umweg von über 50 km. Der Hubschrauber steht 50 km Luftlinie
von uns entfernt. Die Wolken steigen ein wenig nach oben, das läßt
uns hoffen. Kurz nach 8.00 Uhr sind wir fertig, haben die Gepäckstücke
auf eine Plane am Rande unseres planierten Landeplatzes geschleppt und erwarten
den Hubschrauber. Doch der Hubschrauber kommt nicht. Wir sitzen auf unseren Stühlen
im Kreis und beginnen Karten zu spielen. Der Tisch wird auch noch aufgebaut und
es wird eine lustige Knackrunde. Es fängt an zu schneien. Unsere Hoffnung
sinkt auf Null. Unsere Füße werden kalt und wir drehen Runden auf der
Landepiste. Am Nachmittag zieht eine blaues Sonnenloch vorüber, doch es
folgen schwarze Wolken. Gegen 17.30 Uhr hat Anne die Nase voll vom Warten
und beginnt, ein Zelt aufzubauen. Sofort sind alle damit beschäftigt die
Zelte aufzuschlagen und die Matten und Schlafsäcke werden wieder
hervorgeholt. Es ist kalt und Flocken wirbeln langsam vom Himmel. Eine leckere
Kartoffelsuppe wärmt uns leicht auf. Wir sind beizeiten in den
Schlafsäcken und hoffen, nein sehnen den Hubschrauber herbei. Wir
diskutieren den "worst case": der Hubschrauber kommt "im Frühjahr
oder später"; wissen jedoch, daß er nur bei Sicht navigieren
kann. In der Nacht ist es stürmig.
19.8.00 Viertel acht
stehe ich auf. Es ist herrliches Wetter, keine Wolke am Himmel. Micha kriecht
auch gerade aus dem Zelt. Plötzlich höre ich ein Geräusch. Oh
mein Gott, der Hubschrauber. Ich schreie: "Hubschrauber!" In
rasender Eile packe ich mit Tilo unsere Schlafsäcke und Matten in die Rucksäcke,
ziehe das Zelt von der Landebahn. Der Hubschrauber dreht eine Runde über
uns und landet neben unserer Landepiste. Die anderen haben keine Zeit mehr
irgend etwas zusammenzupacken. Die Zelte werden geschlossen, die Stäbe
zusammengeklappt und die Zelte so in den Hubschrauber geworfen. Der Pilot hilft
uns Gepäckstücke zu tragen, muß sich jedoch immer wieder vor Kälte
die Finger reiben. Es ist saukalt, die Sonne hat unseren Lagerplatz noch nicht
erreicht. Ich keuche wie ein japsender Hund beim schnellen Schleppen der Gepäckstücke.
Alles ist drin, alle rein, los. Schnellstart fertig. Ehe wir uns versehen,
fliegt der Hubschrauber schon über den Paß Kayup-Kap und wir sehen,
wie steil die andere Seite abfällt. Ein wunderschöner Rundflug
Richtung Chan Tengri. Der Hubschrauber läßt uns auf dem südlichen
Inyltschek Gletscher raus. Vom Pobeda-Basecamp werden 20 Leute mit Gepäck
geholt und wir werden wieder eingeladen. Eine reichliche halbe Stunde fliegen
wir bis Maid-Adyr, vorbei an einer herrlichen Bergkulisse des Inyltschek-Tales.
Nach der Landung sortieren wir unsere Sachen auf einer grünen Wiese, welch
ein toller Anblick. Das Fahrzeug, das uns nach Karakol bringt, kommt auch schon,
also rein und weiter geht es, durch eine enge Schlucht und malerische Täler
zurück nach Karakol.
Dort angekommen kratzen wir bei 25°C
noch die letzten Eisstücke aus den Zelten und trocknen diese. Dann geben
wir die entliehene Ausrüstung zurück und organisieren unsere Fahrt zurück
nach Bischkek. Abends genießen wir die Sauna.
20.08.00 Wir fahren am Issyk-Kul entlang nach Tscholpon Ata, wo wir
unsere Reise noch mit ein paar schönen Stunden am Strand ausklingen lassen.
Die Autos bringen uns dann direkt zum Flughafen von Bischkek. 4 Uhr startet
unser Flugzeug nach Moskau und am Abend sind wir wieder zu Hause.
Weiterführende Informationen zum Tienschan erhalten Sie auf unser Tienschan-Infoseite.
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